Schnelles Photographieren mit der Rolleiflex
 
Wie in der Rubrik NEWS geschrieben steht, habe ich am 26.05.2007 meinen jetzigen Lieblingsladen gefunden, den Laden von Antonio Stasi. An diesem Tag war ich mit meiner Rolleiflex unterwegs und ich bat ihn sie sich anzusehen, ob sie in Ordnung wäre oder einer CLA (Clean, Lubricate, Adjust = reinigen, schmieren, justieren) bedürfe. Sie ist vollständig in Ordnung, es wäre für ihn ein leichtes gewesen mir einzureden, daß eine CLA unumgänglich wäre, denn das Sucherbild ist nicht ganz so hell, aber das ist normal so und seine Art mich zu beraten macht ihn mir noch sympathischer. Ich kaufte zwei Rollfilme von Ilford, den Delta 400 Professional, da meine Vorräte aufgebraucht waren.
Als ich zum Hafen herunterkam, schallte mir Musik entgegen. Ein riesiges Segelschiff machte (leider motorengetrieben) eine Wende im Hafen. Es war fast so lang wie der Hafen breit und war ein stolzer Anblick. Ich mußte das unbedingt fotografieren!
Also die Rolli aus der Tasche holen, Kamera mit den Objektivschutzdeckeln (sie hat ja zwei „Augen“) auf die linke flache Hand, Kamerarückwand auf, die Hand leicht nach vorne neigen, damit die „Fingerguillotine“ oben bleibt, die Spule aus der unteren in die obere Kammer einlegen („*grummel*, ... das hätt‘ ich auch vorher erledigen können...“), den Film in die untere Kammer einlegen, Transportsicherheitspapier abreißen, die Filmzunge zwischen die Rollen führen und in die obere leere Spule einfädeln, Kurbel raus, einmal kurz drehen und sicherstellen, daß der Film gerade eingezogen wird, Rückwand zuklappen , verriegeln, kurbeln und Verschluß spannen. Fertig, in einer Minute!
Nun kam das nächste Problem, mein Belichtungsmesser zeigte bei den schwierigen Lichverhältnissen die Blende 22 zwischen 1/500 und  1/1000s an, ich habe ja einen ISO 400/27° Film eingelegt und habe auch noch Gegenlicht! Die Rolleiflex kann nur maximal 1/500s und die alten SynchroCompur-Verschlüsse liefern bei diesem Alter (50 Jahre) meistens nur eine Verschlußzeit von 1/350s anstatt den angegebenen 1/500s!
Hm, besser versuchen zu fotografieren und wissend Ausschuß in Kauf zu nehmen, als nicht zu fotografieren und hinterher sich schwarzzuärgern, daß man es doch nicht versucht hat.
Als Sicherheit kam noch ein Gelbfilter drauf, der schluckt ja auch noch ein wenig Licht *.
Die Entfernung stellte ich hyperfocal, was bedeutet, daß die Unendlichmarkierung nicht sich mit dem Strich der Anzeigemarkierung deckt, sondern mit der der Tiefenschärfenskalenmarkierung für Blende 22. Das gibt dann maximale Tiefenschärfe!
Und in 5 Minuten waren die 12 Bilder des Films belichtet, ich rannte für gute Vordergründe (kleine Segelschiffe um die Stimmung zu bekommen, die ich wollte). Beim Belichten selber drückte ich die Kamera in die Riemen um meinen Hals und mit meiner Atemtechnik löste ich den Verschluß aus, um ein Verwackeln zu minimieren, wie gesagt ich rannte vorher!
Das Schiff fuhr aus dem Hafen. Augenblicke einer längst vergangen Zeit (die der Großsegelschiffe) - vorbei - und ich habe sie festgehalten! Hoffentlich.....
Also bin ich gleich wieder zu Antonio Stasi zurückgegangen und habe ihm den Film zum Entwickeln gegeben. Er hat das einzige noch echte kommerzielle SW-Labor in der Stadt. Ich gab den Film ihm zum Entwickeln, denn ich wollte mit meinen beginnenden Entwicklungskünsten den Film nicht ruinieren und außerdem gab es ja auch noch Bilder dazu.
Warten ..., Pfingsten war ja auch noch dazwischen ... nochmals warten...
Am Donnerstag, den 31.05.2007 war es soweit, ich bekam meine Bilder! Zuerst ein Blick auf die Negative, gute Tonwertverteilung, keines der Bilder zu sehr über- oder unterbelichtet, gute Schärfe, juchhuuu! Und dann die Papierbilder. Mattschwarz glänzend mit Textur, eine Haptik und ein Gefühl, das digitalbelichtetes PE-Papier nur stümperhaft versucht zu imitieren. Einfach herrlich!
Jetzt müßten die Bilder  nur noch seleniumgetont werden oder auf Warmtonpapier belichtet werden, um diese zeitlose, nostalgische Atmosphäre noch zu verstärken, eine Atmosphäre, in der noch große Segelschiffe die Weltmeere befuhren, die Gefahren von Klippen und Stürmen trotzten und die Luft weniger nach verbranntem Diesel und Öl roch ....
 
Die Bilder:
Beide stellen das selbe dar - die Statsraad Lehmkuhl, nur ist eines der Bilder einfach so gescannt worden wie ich es bekommen habe und das andere ist über Bildbearbeitungssoftware „wärmer“ getont worden. Die Aufnahme wurde mit einer Rolleiflex 3.5 E (1) Planar bei f 22, 1/500s und Gelbfilter auf Ilford Delta 400 Professional fotografiert.
 
* Normalerweise erfordert ein Gelbfilter eine Blendenkorrektur von +2/3 oder eine 1,5x Belichtungszeitenverlängerung. Bei der oben geschilderten Situation wurde bewußt diese Einstellung nicht vorgenommen, da es sonst zu noch höherer Überbelichtung gekommen wäre. Schwarzweißfilme wie auch normale Negativfilme vertragen im Gegensatz zu Diafilmen einen gewissen Teil an Überbelichtung und nur einen geringen Teil an Unterbelichtung. Im obengenannten Beispiel habe ich die „lichtschluckenden“ Eigenschaften des Gelbfilters genutzt, um gezielt unterzubelichten also den komplizierten Lichtverhältnissen und den Limitierungen der Kamera gegenzusteuern. Das konnte ich deshalb bewerkstelligen, da ich Erfahrung durch Testbelichtungen auf 35mm Film des selben Typs gesammelt habe. Versucht das „bewußte“ Unterbelichten NICHT mit Orange-Filtern!
Artikel
Sonntag, 10. Juni 2007
Außschnitt aus dem linkem Bild, 10cm x 13cm. Man kann 3 Personen ausmachen, die an der Rehling lehnen. Eine beachtliche Leistung der Kamera! (nicht maßstäblich!)
Die Statsråd Lehmkuhl - ein stolzer Dreimaster.
Originalgröße der gescannten Bilder:
 60cm x 60cm @ 240dpi
 
 
 
Rechtes Bild: Normal mit 3200dpi im Farbmodus gescannt und entsprechend für das Internet verkleinert.
 
 
Unteres Bild: Durch verändern der Farbbalance wurde dem Bild eine Tönung beigefügt die der Belichtung auf Warmtonpapier nahekommt.