Diesmal begeben wir uns auf das Feld der absoluten Subjektivität, denn Perspektivwahl ist ein individueller Gedankenprozeß eines jeden Photographen, der die personenbezogene Auseinandersetzung mit dem zu photographierenden Objekt erfordert und demzufolge den Raum für Kreativität und Ästhetikempfinden erschließt. Wie bereits aus dem beginnenden Text zu erlesen ist, bin ich heute intellektuell angehaucht und das ohne Genußmittelmißbrauch. :o)
Gestern war ich in Bergen spazieren und kam beim Theater mit seinem kleinen vorgelagerten Park vorbei. In diesem Park befinden sich einige Bronzeplastiken, die alle etwas gemeinsam haben, sie sehen traurig aus. Der Herbst trägt insgesamt enorm mit zur Stimmung bei, so daß die Plastiken sich eigentlich gerade jetzt ganz gut zum photographieren eignen. Welche Perspektive soll man aber wählen? Damit der Leser sich ein Bild von den Plastiken machen kann, gibt es erst einmal ein paar Bilder. :-)
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Sonntag, 21. Oktober 2007
Nein, das war noch nicht so richtig gelungen. Dem Gesicht des Jungen sieht man die Ernsthaftigkeit noch nicht genug an und der „Mann“ ist der Familie doch eher „zugeneigt“. Das Ensemble hat etwas sehr intimes an sich und läßt in dem Betrachter die Hoffnung auf ein „Happy End“ erwachen, denn der Mann sieht reuevoll aus. Diese Perspektive „schweißt“ beide Skulpturen zum intensionsbedingten Verbund zusammen. Dies wäre also eine gute „Perspektiv“-Story, die aber in sich etwas inkonsequent wäre, da die Ausdrucksweise nicht hundertprozentig paßt. Nun zum 2. Veruch.
Ich weiß nicht wie die links gezeigte Plastik benannt ist, da ich nicht auf Grünflächen trete, um den Namen der Plastik zu erfahren, auch wenn gerade nichts auf der Grünfläche wächst. Ich bin ein Verfechter der „Benutzerfreundlichkeit“ und da gehört meiner Meinung nach eine leserliche Bezeichnung an den Rand der Grünfläche! Aber ungeachtet dessen ist klar was gemeint ist: Mutter mit Kind. Persönlich gefällt mir die Plastik ganz gut, nur das das Kind mir zu ernst-traurig ist und einfach irgendwie nicht zu der ausgestrahlten intimen Mutter-Kind-Beziehung passen will.
Links: „Mutter mit Kind“
Rechts: „Ynglingen“
Beide Plastiken aufgenommen am 20.10.2007 mit Leica M3 und 50mm Summicron M bei f4.0 und 1/60s auf Ilford FP4+ @ISO80, entwickelt in Rodinal 1+24 7,5 min.
Die Plastik rechts heißt Ynglingen - Der Jüngling. Selbst wenn dem Jüngling in den Nacken „geschissen“ wurde und dieser deswegen vor Wut „spuckt“, drückt diese Haltung nicht die eines Jünglings aus, weder von vor 100 Jahren, noch in der heutigen Zeit, eher die eines Mannes in den 40ern, der geplagt über den Sinn des Lebens nachdenkt. Alles in allem für mich nicht besonders überzeugend, Sorry.
Was kann man aber mit dieser gegebenen photographischen Gelegenheit als Photograph anfangen? Aufgeben? Nein!!!
Nachdem ich mir die Plastiken eingehend angeschaut habe kam mir ein Einfall. Beide Plastiken strahlen eine Ernsthaftigkeit, eine Traurigkeit aus, die eine endgültige Konsequenz bedingt, so das man denken könnte, da hat es Streit gegeben! Kurzum die Idee heißt „Familiendrama“. Kommen wir also zur Komposition.
Die Plastik des Jünglings muß ich im Hintergrund halten, da auf dem Bild nicht die allzu starke Jugendlichkeit durchscheinen sollte sondern nur die Haltung eines Erwachsenen. Das Gesicht der Mutter ist in dieser Komposition irrelevant, da sie ihr Gesicht verbirgt. Das Gesicht des Kindes muß im Vordergrund sein, da es die Ernsthaftigkeit der Situation verdeutlicht und den Spannungsbogen erst aufbaut. Hier mein erster Versuch, der Ideenumsetzung.
Links: „Familiendrama“ - 1. Versuch
Aufgenommen am 20.10.2007 mit Leica M3 und 50mm Summicron M bei f4.0 und 1/60s auf Ilford FP4+ @ISO80, entwickelt in Rodinal 1+24 7,5 min.
Dies ist meine endgültige Perspektivwahl!
Die Ernsthaftigkeit der Stimmung, der Spannungsbogen zwischen den Skulpturen, wird durch die Herbststimmung allgemein verstärkt. Das voneinander Entferntsein und die Tristesse der Situation zwischen den „Dreien“ wird durch die Distanz der Plastiken voneinander und der durch den Baum eingefaßten „Leere“ sehr gut verdeutlicht. Es wird beim Betrachter ein Gefühl des Verlorenseins und der Kälte hervorgerufen, der durch die Nacktheit noch verstärkt wird.
Der Gesichtsausdruck des Kindes und die Haltung des Mannes gewinnen durch diese Perspektive enorm an Aussagekraft, da diese eine gewisse Stimmigkeit beim Betrachter hervorrufen, welche die Plastiken alleine nicht bieten können.
Ich hoffe dieser Exkurs in Perspektivwahl bringt für den Leser neue kreative Impulse Bilder mit Licht zu zeichnen.
Links: „Familiendrama“ - Endfassung
Aufgenommen am 20.10.2007 mit Leica M3 und 50mm Summicron M bei f4.0 und 1/60s auf Ilford FP4+ @ISO80, entwickelt in Rodinal 1+24 7,5 min.