Jeder Photograph, der sein Hobby oder Beruf ernst nimmt, hat seine Testscenarien und demzufolge auch seine Testgelände. Der Grund dafür ist ganz einfach. Wenn man als Photograph neue Technik akquiriert oder neue Materialien in sein Repertoire integrieren möchte, so will man diese neuen Dinge so schnell wie möglich und so umfassend wie möglich ausprobieren, um deren Stärken und Schwächen kennen zu lernen.
Über mein Testgelände will ich heute hier referieren. Es befindet sich ca. 27 km südlich von Bergen in der Kommune Os und ist historisch gesehen sehr wichtig und damit als Touristenattraktion bekannt. Ich benutze es allerdings, um die Fähigkeiten von Objektiven und Filmen zu testen.
Das Lysekloster ist eine englische Cisterziensergründung aus dem 12. Jahrhundert (1146) und markiert einen Punkt in der Geschichte Norwegens, wo die blutige Christianisierung des Landes im 11. Jhdt. einen Abschluss fand und religiöser Frieden danach Einzug hielt. Das Kloster wurde bis 1536 bewirtschaftet.
Warum aber habe ich das Lysekloster zum Testgelände auserkoren? Was hat es, was andere Örtlichkeiten nicht haben? Es ist ein Platz der Gegensätze. Sanfte Natur auf rauen behauenen Stein. Licht und Schatten, harte Kontraste direkt nebeneinander, hervorgerufen durch die Art der Steine und der Architektur, Dreidimensionalität und Ebenen, Texturen und Flächen, und und und ...
Ein weiterer Vorteil ist, das es überschaubar klein ist und die Touristen meistens eine riesige mitteleuropäische Klosteranlage im Kopf haben, die weit gestreckt sich in die Landschaft ausbreitet. Das Kloster ist für viele Touristen eine herbe Enttäuschung, da die Realität sich nicht mit den Erwartungen der Touristen deckt und meistens keine Zeit für Detailbetrachtungen da ist, da bei dem kleinen Parkplatz der nächste Bus schon darauf wartet, seine zahlende "Fracht" auszukippen. Die Details haben aber ihren besonderen Reiz, so wie vieles sich in Norwegen erst durch genaues Betrachten dem Interessierten erschliesst. Man muss sich halt Zeit nehmen. Norwegen ist ein Land der Tiefe und nicht der plakativen Oberflächlichkeit. Diese Übersichtlichkeit des Klosters, gepaart mit der relativen kurzen Verweildauer der Touristen führt zu Zeiten, wo die Klosterruinen sich selbst überlassen sind und das ist dann meine Zeit! Ich weiss nicht was die Beobachter der Sicherheitskameras denken, wenn ein und die selbe Person ständig wie wild in den Klosterruinen herum fotografiert. Die denken dann vielleicht, daß diese Person einen Schaden haben muss und vielleicht stimmt das auch irgendwie ein wenig, denn ich muss leider gestehen, das ich bis jetzt immer noch nicht jeden Winkel der Ruinen bis ins Detail ausgekundschaftet habe, immer wieder etwas neues entdecke und es somit für mich nie langweilig wird.
"Was macht der denn nun da?", wird sich der geneigte Leser nun fragen. Nun, wie weiter oben geschrieben Objektive und Filme testen. Was mich dabei besonders interessiert ist bei Filmen zum Beispiel wie die feinen Texturen des Gesteins wiedergegeben werden, wie die Kontraste der Steine dargestellt werden, oder kurz und schmerzlos ausgedrückt: wie sich die Tonalität und das Schärfevermögen des Filmes darstellt. Ich teste momentan deshalb so viele Filme, weil ich bis jetzt noch nicht "meinen" Film gefunden habe, mit dem ich dann immer „losziehen“ will. Es hat etwas mit Ästhetikempfinden meinerseits, aber auch mit dem technischen Vermögen des Filmes, Tonalität und Schärfe wiederzugeben zu tun, ob mir ein Film als Medium meiner Momentaufnahmen gefällt oder nicht.
Selbstredend werden die Filme mit dem selben Objektiv belichtet, meinem Leica Summicron M f2.0 / 50 mm, welches in Bezug auf Kontrastvermögen und Schärfe kaum zu schlagen ist. Gleichzeitig lerne ich das Objektiv immer besser kennen, und es ist nicht so einfach beherrschbar wie ein 08-15-Gummi-Zoom. Ein Tiefenschärfevermögen von ca. 2 cm, bei Blende 2 und 70 cm Entfernungseinstellung ist nicht einfach mal eben eingestellt und geknippst, man muss viel über Bildkomposition nachdenken, denn bei 2 cm Schärfebereich bleibt nicht wirklich viel scharf. Gleichzeitig kommt man bei diesem Objektiv zu einem malerischen Bokeh (das Wort ist japanisch und bezeichnet das Darstellungsvermögen des Objektives Unschärfe abzubilden), was in unten stehendem Bild deutlich wird: